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Zwei Orte - eine Gemeinde

Herzlich willkommen, wir freuen uns, dass Sie unsere Internetseite besuchen und laden Sie ein, unsere Gemeinde kennenzulernen. Wir liegen im Rhein-Main-Gebiet inmitten von Feldern und Weinbergen aber in unmittelbarer Nähe der Städte Wiesbaden und Mainz. Auf dieser Internetseite finden Sie umfangreiche Informationen über unser Gemeindeleben.

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Gottesdienste mit 3 G

- unter Einhaltung der Schutz- und Hygieneregeln -

Aufgrund der aktuellen Coronavirus-Schutzverordnung des
Landes Hessen, dürfen wir unsere Gottesdienste leider nur unter
Beachtung der 3 G – Regel veranstalten.

Eine Teilnahme ist möglich für Genesene, Geimpfte und Kinder und Jugendliche unter achtzehn Jahren (ab 6 Jahren mit Testheft oder Negativtest) sowie Getestete mit Schnelltest max. 24 Stunden alt oder PCR-Test max. 48 Stunden alt.

Predigt vom 27. Februar 2022

Wie liegt die Stadt so wüst, die voll Volks war. Alle ihre Tore stehen öde.
Wie liegen die Steine des Heiligtums vorn auf allen Gassen zerstreut.
Er hat ein Feuer aus der Höhe in meine Gebeine gesandt …
(Klagelieder Jeremia 1)

Eine belagerte Stadt, oder gar eine Stadt als Kriegsschauplatz, eine zerstörte Stadt hört auf, eine Stadt zu sein. Sie ist kein Ort mehr, wo Menschen zusammenwohnen können, zusammenarbeiten, ihre Kinder großziehen. Kein Ort mehr, wo Kinder aufwachsen können, spielen und zur Schule gehen, wo die Alten in den Parks unterwegs sind, wo Handel und Gewerbe blüht … kurz: wo Menschen friedlich miteinander wohnen. Städte gelten als Kraftzentren von Zivilisation und Kultur. Dort pulsiert das Leben, auch durchaus in Widersprüchen. Denn auch das gehört dazu: der Streit und der Wettbewerb.

Aber das alles kommt zum Stehen, löst sich rasend schnell auf, bricht zusammen, wenn der Krieg über die Stadt kommt, wenn er buchstäblich in die Stadt kommt. Die stärksten Bilder liefert – ich muss es leider sagen – die stärksten Bilder liefert der Nachrichtendienst Twitter. Zum Beispiel dieses, mit einem Smartphone gefilmt: das nächtliche Kiew, die goldenen Kuppeln einer orthodoxen Kirche rechts im Vordergrund. Im Hintergrund die dunkle Stadt. Nur die Straßenbeleuchtung ist an, in den Häusern scheint kein Licht zu brennen. Noch ist alles still. Dann fangen die Sirenen an zu heulen, das heißt, sie heulen auf, mit einem tiefen Ton beginnend und dann immer schauriger. Und von da an, nur dieser immer wieder aufheulende Ton. Man sieht und hört sonst nichts: keine Schüsse, keine Einschläge, nichts. Während die Sirenen noch heulen endet der Film. Diese Szene, ich sah sie vorgestern, bekomme ich nicht aus den Kopf, sie begleitet mich seitdem und wird mich weiterbegleiten. Wahrscheinlich sehr lange. Eine klagende Stadt, heulend wie ein verwundetes Tier, eine anklagende Stadt. Richtig anklagend: „Seht und hört, was mir geschieht, was mir angetan wird.“

Vor einer Woche, Sonntag Sexagesimä, war die Macht der Worte Thema, heute sprechen wir einmal kurz über die Macht der Bilder; bereits im Vietnamkrieg hatten die Kriegsführenden damit nicht gerechnet und nicht damit, was das auslöst; in den Irakkriegen wurde das Bildermachen entsprechend sehr behindert; geht das jetzt auch? Nein. So ziemlich jeder ist inzwischen Kameramann oder Kamerafrau und in Sekundenbruchteilen sind die Bilder in der Welt, buchstäblich überall abrufbar. Und nicht mehr einzufangen. Den Krieg der Bilder hat der Aggressor wahrscheinlich bereits verloren. Diese Bilder sind, wie gesagt, Anklageschriften. Es müsste klar sein, wer auf die Anklagebank gehört …

Liebe Gemeinde, das ist es aber nicht.

Um noch einmal dahin zurückzukehren, was ich uns als Filmsequenz aus der klagenden Stadt geschildert habe. Beim Ansehen und Anhören geschieht mir nämlich etwas Seltsames. Etwas eigentlich völlig Verrücktes: ich höre und sehe nicht nur die Klage wie ein Zuschauer, ich fühle mich auch angeklagt: „Sehe und höre, was man mir antut.“

Völlig verrückt und irrational ist das.

"Wie liegt die Stadt so wüst!"

Ein Trümmerhaufen, an dem nichts mehr ist wie es war.
In anderen Trümmern, keine, die rauchen, stauben, lebensgefährlich sind, sondern buchstäblich weit vom Schuss, zwei Flugstunden weit vom Schießen und Bomben, erkennen wir, nein, noch nicht so recht wahrnehmbar, ahnen wir den Trümmerhaufen, der bis vor Kurzem noch unser selbstverständliches Weltgebäude war. Ich meine das ganz persönliche: wie wir uns die Welt entworfen haben, unsere Grundsätze, unsere Gesinnungen, die Koordinaten, mit denen wir alles was geschieht beurteilen. Unsere Prinzipien.

Ein Beispiel: Gewalt ist keine Lösung, also darf Gewalt niemals sein. Ein politisches Mantra, ein pädagogisches Mantra, ein epochales Generationsbekenntnis. Und dieses Bekenntnis ist so christlich wie kaum ein anderes. Das wissen wir, das können wir nachsprechen und lernen und lehren und predigen …
Ja. Und dann heult mir diese Stadt ins Gesicht: „Mir wird aber eben jetzt Gewalt angetan! Eben jetzt und ich drohe zertrümmert zu werden. Soll ich das hinnehmen? Darf ich mich nicht wehren? Nimmst du das hin, wenn du es betrachtest? Willst du, dass das die Welt hinnimmt – nämlich gewaltlos, wie es bei euch heißt?“

Liebe Gemeinde, die ehrwürdigsten Bekenntnisse können zu Abwehrschilden werden, Schutzräumen, zu Bunkern, in denen man sich verkriecht! Wovor? Vor den Zumutungen einer Wirklichkeit, die das zu zertrümmern droht, was doch meine feste Gewissheit ist … Meine schönen, gepflegten Gesinnungsstandards.

Gewalt ist entsetzlich, das wissen wir und das stimmt und bleibt als Wahrheit. Gut.

Mit Gewalt, auch mit Gewalt, wenn sonst nichts mehr hilft, und nicht nur mit Worten muss der Gewalt entgegengetreten werden. Auch gut, so schlimm es ist. Aus diesen Konflikt, der ein Konflikt des Denkens, des Urteilens und des Entscheidens ist, komme ich als Christenmensch nicht raus. Zumindest mir geht es so.

Bin ich dann überhaupt noch ein Christenmensch? Darf ich mich noch Christ nennen?

In letzter, wirklich in letzter Hinsicht, ist das nicht so wichtig. Es ist nicht das Wichtigste wie ich mich nenne, zurecht, oder zu Unrecht. Wichtig ist, was ich vor und für Christus bin. Aber auch das ist jetzt nicht das Wichtigste, nämlich angesichts der Bilder, der Schreckensbilder. Da ist mein Fühlen und Bangen und meine christliche Gewissenspein nicht das Wichtigste. Soll sich hinsichtlich dessen Gott später meiner annehmen. Im Moment gibt es Menschen, die seine Fürsorge nötiger haben.

Gott schütze die Opfer und gebe ihnen Kraft zum Wiederstand.

Gott erleuchte die Täter, die in ihrer eigenen Finsternis vegetieren.

Besonders den einen in seinem Palast. Gott erleuchte oder strafe ihn.

Gott erbarme dich derer, die an seiner Statt und auf seinem Befehl Untaten zu tun genötigt werden.

Ja … und Gott rette die Welt vor dem Unheil, das über sie gerade kommt.

Gib diese Welt und die, die sie mit Verstand bewohnen, nicht auf, auch wenn sie immer dieselben Fehler wiederholen.

Was wir nicht hinbekommen, das füge du, auch über unsere Köpfe, die nicht ausgereicht haben, das Übel zu verhindern.

Lass die Stadt nicht zum klagenden Trümmerhaufen werden.

Nimm dich ihrer an, dass Menschen wieder im Frieden in ihr wohnen können.

Dein Friede bleibe, dein Friede werde, deine Liebe walte und deine Macht rette uns.

Amen.

Pfr. Christoph Müller