Startseite | Impressum | Kontakt

Aus der Erfahrung eines Sechsundachtzigjährigen

Sind verschiedene Zeiten vergleichbar?

Liebe Mitchristen,

aus der Bahn geworfen werden in diesen Tagen viele Mitmenschen. Die meisten hatten das noch nicht erlebt. Aber aus der Bahn geworfen wurde meine Generation mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges und mit allem, was danach folgte, vor allem aber mit dem Ende des Krieges.

Ich habe mich in den vergangenen Wochen dabei ertappt, dass ich nach Toilettenpapier gefahndet habe und habe dann doch daran denken müssen, dass mein Leben im Januar 1945 in Gefahr war, als ich vom Fluchtwagen fiel und die sowjetischen Panzer vorüberfuhren und die aufsitzenden Soldaten mich nicht erschossen haben. Ich habe die Flucht zu Fuß durch die eisige Nacht erlebt und wie man den Hunger vergisst und stumm wird. Alles das ist nicht vergleichbar mit den Sorgen, die viele Menschen heute haben. Aber 75 Jahre nach Kriegsende kommt das in den Sinn und das ist auch gut so.

Diejenigen, die heute nach Normalität suchen, dürfen sich aber auch sagen lassen, dass Normalität eine relative Angelegenheit ist, wie auch Reichtum und Armut zweitrangig werden können, gegenüber dem bloßen Überleben und dem Zusammensein mit Nahestehenden. Selbst der Schulunterricht kann sich relativieren - meine Generation hatte teilweise bis zu einem Jahr keinen Unterricht, manche keinen Schulabschluss und

ich denke an die Kleinkinder, die auf der Flucht verloren gingen und weder ihren eigenen Namen kannten, noch den ihrer Eltern oder ihr Geburtsdatum. Ich merke dies nur an, um dem Jammern eine Grenze zu zeigen.

Unser Leben damals war „danach“ ein anderes als zuvor, bei vielen ein dankbareres Leben. Das wünsche ich heute auch. Dazu wäre es allerdings gut, wenn auch heute erkannt würde, dass nichts so sein wird wie vorher. Es war damals im Mai 1945 zwar der Krieg zu Ende, aber es hatte für viele Menschen eine neue Zeit angefangen. Gegenwärtig befürchte ich allerdings, dass manche Mitmenschen meinen, man könnte bald einfach wieder da weitermachen, wo man Anfang März aufgehört hat. Dies wird schon allein deshalb nicht gehen, weil die Ansteckungsgefahr nicht vorüber sein wird, solange es keinen Impfschutz gibt. Und weil das noch dauert, wird nichts so sein wie es war. Nur wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir jeden Tag neu aus Gottes Hand nehmen und jeder für sich oder gemeinschaftlich – wenn es möglich ist - , Gott danken. Was wir aber immer können, das ist im Bitten und Danken für jeden geschenkten Tag und für alle geschenkten Möglichkeiten nicht nachzulassen.

Mir kommt der Vers in den Sinn: „Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag“

Adolf Schmitt

< zurück >