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Evangelisches Gesangbuch Nr. 366

Wenn wir in höchsten Nöten sein
und wissen nicht, wo aus noch ein,
und finden weder Hilf noch Rat,
ob wir gleich sorgen früh und spat, …

„… so ist dies unser Trost allein,
dass wir zusammen insgemein
dich anrufen, o treuer Gott,
um Rettung aus der Angst und Not, …“

Die beiden ersten von sieben Strophen eines Liedes, das Paul Eber im Pestjahr 1566 nach Vorbildern aus dem Alten Testament und einer lateinischen Vorlage von 1546 (auch einem Pestjahr) verfasst hat, passen in unsere Zeit. Das Besondere aller sieben Liedstrophen ist, dass sie aus nur drei Sätzen bestehen. Die Verse 1 bis 4 sind ein Satz und die Verse 6 und 7 sind einer. Nur der Vers 5 bringt einen Satz allein unter. Das Lied zeigt ein Getriebensein, wie es auch unserer heutigen Lage eigen ist. Aber es bekennt auch den damals und heute gültigen Trost, der im Glauben liegt und in der Bezeugung dieses Glaubens, im Gebetsruf und dem Bekenntnis zu Gottes Hilfe. Dabei kann uns der Vers 2 nach der Benennung der Lage in Vers 1 durchaus irritieren, denn eben das gerade sollen wir jetzt nicht: “zusammen, gemeinsam“ Gott anrufen, es sei denn, wir verstehen es so, dass auch das getrennte Beten und Nachdenken über des Menschen Fehlverhalten wie über Gottes Trost sowohl beim Läuten der Glocken am Sonntag als auch überhaupt beim Erklingen der Glocken gemeinsames Beten ist. So wie auch das Nachlesen von nachdenklichen und bekennenden Texten in den verschiedensten Foren eine neue, moderne Gemeinsamkeit ergibt, die vielfach noch nicht recht entdeckt und genutzt worden war. So hat das „zusammen insgemein“ in der modernen Kommunikation eine neue Form gefunden, die gründlich bedacht und genutzt wer- den sollte. In unserem Lied geht der erste Satz weiter mit der konkreten Bitte in Vers 3 „um Begnadigung und aller Strafen Linderung“. Ich bekenne, dass ich die gegenwärtige Krise durchaus als Weckruf verstehe, Vieles anders zu machen und vor allem Vieles anders zu organisieren, damit die durch vielerlei Fehlverhalten

entstandenen Gefahren gemeistert werden können. Dass die Globalisierung nicht nur ein Segen ist, hat man an vielen Stellen gemerkt. Vers 4 erinnert an die gnädige Zusage, die wir mit dem Namen Jesus Christus verbinden und dem Satz: „Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“. In Vers 5 ist die kurze Feststellung notiert, dass wir „verlassen“ „in Trübsal und Gefahr“ vor Gott stehen und klagen. Freilich geht dies nicht ohne Bekenntnis zum eigenen Fehlverhalten, das noch deutlich für unsere Tage zu benennen wäre. Aber die Bitte um Befreiung von der Plage mündet in das Versprechen Dank zu sagen und IHN, den, der uns sein Wort gegeben hat, zu preisen. Paul Eber war selbst mit „höchsten Nöten“ vertraut. Seine Frau und zehn seiner vierzehn Kinder waren gestorben. Als Generalsuperintendent von Wittenberg erlebte er auch kirchlich schwere Zeiten, bevor er 1569 mit 58 Jahren starb. Die verhaltene Melodie hat Ebers Freund Johann Serranus beigesteuert und in der Abwechslung von kurzen und langen Noten den tragenden Grund des Glaubens betont. Die Kirchenmusik kennt unzählige Bearbeitungen von allen großen Komponisten geistlicher Musik, von Johann Her- man Schein bis Marcel Dupré. Johann Sebastian Bach hat Text und Melodie oft verwandt und zuletzt - fast erblindet - auf seinem Sterbebett seine Fuge über diese Melodie neu bearbeitet. Auch ins „Gotteslob“ der katholischen Christen fand dieses Lied seinen Weg. In der Hoffnung, dass es in diesen Tagen - und auch wenn die Krise vorbei zu sein scheint - Menschen tröstet, die in Angst und Sorge sind, bekenne ich mich zu diesem Lied. Ich habe es im Jahre 1946 kennengelernt, als es oft die Bittandachten um Rückkehr der Kriegsgefangenen eingeleitet hat.

Adolf Schmitt

Sieh nicht an unsre Sünde groß,
sprich uns davon aus Gnaden los,
steh uns in unserm Elend bei,
mach uns von allen Plagen frei,

auf dass von Herzen können wir
nachmals mit Freuden danken
dir, gehorsam sein nach deinem
Wort, dich allzeit preisen hier und dort.

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