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Notwendigkeiten

Anfang der sechziger Jahre in das blühende Wirtschaftswunder hineingeboren, mache ich zurzeit eine Erfahrung, wie ich sie zuletzt während der Zuspitzung des atomaren Wettrüstens vor sechsunddreißig Jahren erlebt habe: alles steht auf der Kippe. Momentan und zurecht sorgen wir uns um die Gesundheit; zu dieser Sorge treten nach und nach, aber immer stärker, die Auswirkungen auf das gesellschaftliche und vor allem wirtschaftliche Leben hinzu. Das sind mehr als düstere Wolken, da braut sich ein Unwetter zusammen. Diese Aspekte – Wirtschaft und - ja, das auch - Finanzen, scheinen manchmal auf der „Werteskala“ unserer Evangelischen Kirche eher untere Ränge einzunehmen.

Richtig ist, dass das Leben und die Lebenssicherung unbedingt Vorrang haben vor – ja – vor allem Anderen. Aber zum Leben gehört eben auch der Zwang. Jawohl, der Zwang, für dessen Unterhalt zu sorgen. Sagen wir es kurz und nüchtern: Es muss Geld verdient werden! Und das ist vielen Menschen im Moment nicht möglich – aus sehr nachvollziehbaren Gründen.

Was tut der Mensch, was sei des Christenmenschen Aufgabe und Pflicht? Sich auf den Staat zu verlassen, den großen Kümmerer? Der kann langfristig auch nur mit dem Geld retten, das seine Bürgerinnen und Bürger erwirtschaften. Und das stockt jetzt gerade gewaltig. Also, was ist in dieser Situation der Bedrohung das Beste?

Das Beste wäre, wenn wir uns, als Geschöpfe Gottes, auf die Fähigkeiten verlassen, mit denen wir ausgestattet sind. Keine Kreatur ist in der Lage so schnell auf Veränderungen, ja auf regelrechte Katastrophen zu reagieren wie wir Menschen: mit Mut, Verstand, Phantasie, Rücksicht und Gottvertrauen.

Als im Jahre 1755 die Stadt Lissabon von einem Erdbeben völlig zerstört wurde, fielen durch den dortigen Premierminister Sabastio de Mello die epochalen Worte: „Begrabt die Toten, versorgt die Lebenden.“ Dieser Satz gilt deshalb als Zeichen für ein neues Zeitalter, weil er das Unheil nicht mehr als göttliche Strafe oder als sonstiges Zeichen deutete, sondern nach vorne schaute – nämlich darauf, wie dem Schaden zu begegnen ist. Dabei ist es allerdings kein Widerspruch, auf göttlichen Beistand nicht nur zu hoffen, sondern mit Gewissheit auf ihn zu vertrauen. Vernunft und Glaube schließen sich eben nicht aus. Gott hat uns das gegeben, womit wir die Nöte nach unseren Kräften wenden können. Wir müssen es nur anwenden. Betend, nachdenkend und Entscheidungen treffend. Daran kann sich jede und jeder auf eigene Weise beteiligen. Mit Gottes Hilfe und ohne lähmende Angst.

Pfarrer Christoph Müller

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