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Nachdenkliches

1. Gib Frieden, Herr, gib Frieden,
die Welt nimmt schlimmen Lauf.
Recht wird durch Macht entschieden,
wer lügt, liegt obenauf.
Das Unrecht geht im Schwange,
wer stark ist, der gewinnt.
Wir rufen: Herr, wie lange?
Hilf uns, die friedlos sind.

2. Gib Frieden, Herr, wir bitten!
Die Erde wartet sehr.
Es wird so viel gelitten,
die Furcht wächst mehr und mehr.
Die Horizonte grollen,
der Glaube spinnt sich ein.
Hilf, wenn wir weichen wollen,
und lass uns nicht allein.

3. Gib Frieden, Herr, wir bitten!
Du selbst bist, was uns fehlt.
Du hast für uns gelitten,
hast unsern Streit erwählt,
damit wir leben könnten,
in Ängsten und doch frei,
und jedem Freude gönnten,
wie feind er uns auch sei.

4. Gib Frieden, Herr, gib Frieden:
Denn trotzig und verzagt
hat sich das Herz geschieden
von dem, was Liebe sagt!
Gib Mut zum Händereichen,
zur Rede, die nicht lügt,
und mach aus uns ein Zeichen
dafür, dass Friede siegt.

EG 430

Gib Frieden, Herr, gib Frieden….

Im Jahre 1963 hat der niederländische Pfarrer und Dichter von Kirchenliedern Jan Noeter in der Tradition der niederländischen Mennoniten das Lied „Geef vrede, Heer, geef vrede“ verfasst. Es war die Zeit der Kubakrise und des Wettrüstens. Das Lied war in Gemeinden der DDR gekommen und hier wie in den Niederlanden fanden Gottesdienste und Andachten statt, in denen man sich mit der Sorge um den Frieden an Gott wandte. Es gab dazu auch Partnerschaften zwischen niederländischen und Gemeinden in der DDR. Um aktuell mehr Gemeinsames zu haben, wandte sich der Magdeburger Pfarrer Erhard Kretschmann an den Berliner Dozenten Jürgen Henkys, der schon einige neue Lieder geschaffen hatte und bat ihn um eine Nachdichtung. Am 16. November 1980 verlas Henkys am Ende seiner Predigt in der Tübinger Stiftskirche den jetzt bekannten Text. 1983 wurde der Text in der „Potsdamer Kirche“ veröffentlicht.

Das Neue an diesem Lied ist, dass es, anders als ein Lied von Ernst Moritz Arndt, das ebenso beginnt, aber auf den inneren Frieden hin formuliert worden ist, nun den äußeren Frieden in den Blick, „ins Gebet“ nimmt. Es soll bewusst die politische und gesellschaftliche Aufgabe benannt werden und die Unfriedlichkeit der Welt beim Namen genannt werden. Erst am Ende wird ein persönlicher Ton angeschlagen und so das Lied zu einem umfassenden Ruf nach umfassendem Frieden.

Damit steht Henkys in der Tradition vieler aus Ostpreußen stammender Theologen, die im 20. Jahrhundert die gesellschaftliche Dimension des Evangeliums betont haben und von denen viele an neuen und besonderen Aufgaben in der Evangelischen Kirche gearbeitet haben.

In allen vier Versen wird Gott nur mit „Herr“ angesprochen, aber immer gehört zur Anrede die Bitte hinzu. Es ist für den Beter selbstverständlich, dass Gott Frieden geben kann.
In Strophe 1 wird der Weltzustand ganz konkret beklagt und es klingt wie eine Ahnung auf den Überfall Russlands auf die Ukraine, wenn Recht durch Macht entschieden wird und das Lügen angeprangert wird. Aber an die Stelle einer Schwarzweißbetrachtung tritt die Bitte „Hilf uns, die friedlos sind“.

In Strophe 2 wird die Grundbitte mit einer Erwartung an Gott ausgesprochen: Die Erde wartet sehr. Die globale Bedrohung wird genannt und zugleich vor dem Rückzug in die private Frömmigkeit gewarnt, die in die kollektive Bitte überführt wird: „Lass uns nicht allein.“

In Strophe 3 wird offensichtlich Christus direkt angesprochen. Der leidende Herr wird mit seinem erlösenden Tun bekannt und zugleich der alte Trost benannt: „In Ängsten und doch frei“. Damit wird zugleich Ausblick gegeben in eine Zukunft nach dem Streit. Der Christus, der vergeben hat, will Frieden und Freude nach dem Streit.

In Strophe 4 wird die Friedensbitte gleich zweimal hintereinander gesetzt. Mit dem „trotzig und verzagt“ wird der Zustand des menschlichen Geistes und Gemüts beschrieben, die sowohl der eigenen Haltung wie der des Gegners zugrundliegen. Es wird auf die Friedensbewegung hingedacht, die damals sich ausbreitete und die unabhängig von den Bedrohungen den Mut anspricht, den man zum Händereichen und zum Reden miteinander braucht. Der Bekenner geht so weit, dass er alle bitten lässt selbst zum Zeichen des Friedens zu werden.

Das Lied hat keine eigene Melodie bekommen. Indem man aber die bekannte und sehr ruhige Melodie von „Befiehl du deine Wege…“ nahm, die von Bartholomäus Gesius (1562 bis 1613) stammt, hat man den aufrüttelnden Text gleichsam mit einer Friedensmelodie umkleidet. Dass das Wort „Frieden“ in der ersten wie in der vierten Strophe mit einer halben Note bedacht wird, kann zeigen, dass die Bitte um Frieden der Kern der Aussage ist.

Adolf Schmitt

EG 44

"O du fröhliche . gnadenbringende Weihnachtszeit ."


Ich gebe gern zu, dass dieses Lied, das lange Zeit im Advent ein Schlager in den Kaufhäusern war, nicht zu meinen Lieblingskirchenliedern zählte. Wenn ich es aber von seiner Entstehung her betrachte und den Autor des Urtextes mit in die Betrachtung einbeziehe, dann kann uns dieses Lied eine Menge sagen.

Schon die Melodie hat etwas Exotisches, sie entstammt einem sizilianischen Schifferlied aus dem 16. Jahrhundert und wurde von Johann Gottfried Herder im Jahre 1788 gehört und nach Weimar mitgebracht.

In Weimar waren zu dieser Zeit nicht nur der Staatsrat Johann Wolfgang von Goethe und der Superintendent Johann Gottfried Herder tätig, sondern auch der Schriftsteller und Legationsrat Johannes Daniel Falk. Dieser - von Hause aus Theologe, war als Spötter bekannt, aber nach dem tragischen Tod seiner vier Kinder im Jahre 1813 widmete er sich den Waisenkindern, die nach den Napoleonkriegen in Hunger und Elend lebten und zum großen Teil verwahrlost waren. Er wurde Waisenvater und gründete den Lutherhof, der später Vorbild für Wicherns Rauhes Haus in Hamburg und Bodelschwinghs Bethelgründung bei Bielefeld wurde.

Den meist unkirchlich aufgewachsenen Kindern aus einfachen Verhältnissen dichtete Falk zu der bekannten Melodie im Jahre 1816 ein Lied, das 1819 als „Allerdreifeiertagslied“ erschien. Die drei Verse besangen die gnadenbringende Weihnachtszeit, die Osterzeit und die Pfingstzeit, jeweils mit der Aufforderung endend: Freue dich, o Christenheit. Bei Ostern heißt es: „Welt lag in Banden, Christ ist erstanden.“ Zu Pfingsten sang man: „Christ, unser Meister, heiligt die Geister“.

Diese „Christenlehre in Taschenausgabe“ war damals gefragt und die drei Verse, die inzwischen zu drei vollen Festliedern ausgebaut worden waren, standen bis an den Anfang des 20. Jahrhunderts in den Gesangbüchern.
Von Falk sind knappe Sätze überliefert. So soll er vor seinem Tod gesagt haben: „Gott - volksfaßlich! Glaube – kurz! Christus – Punktum“.

Das Kurze hatte er schon in unserem Liede praktiziert: Welt ging verloren, Christ ist geboren.
Während die beiden Verse zu den anderen großen Feiertagen außer Gebrauch gerieten, wurden dem Vers zum Christfest zwei weitere angefügt. Es war ein Mitarbeiter Falks, Heinrich Holzschuher, der 1829 für ein Krippenspiel zwei weitere Verse anfügte, die in gleicher Kürze und mit demselben Anfangs-. und Endkehrrein nichts Auffälliges zeigen. Dieses recht kurze Glaubensbekenntnis, das alle Aussagen der Christusbotschaft – auch die Verbindung von Krippe und Kreuz - zusammenfasst, sollte in seinen Worten bedacht werden. Es ist ein Glaubensbekenntnis, das die irdische Freude aus dem Vertrauen in Gottes Ehre nimmt.

Die Melodie hat sich gleichsam dem Text angepasst und durch die Wiederholungen beim „Freue Dich“ geht sie auf Gewohnheiten bei Kinderliedern ein. Das Lied hat eine Umdichtung nach dem Kaiserattentat im Jahre 1878 ebenso überstanden wie eine nationalsozialistische. Hoffen wir, dass es mit seiner Kernaussage auch 2021 begriffen wird.

Man sollte sich - wo immer man es singt oder auch nur hört, Zeit lassen und die Frage stellen: was heißt es für mich - in meiner Lage - mich als Christ zu freuen. Ich möchte anfügen „weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein“.

Adolf Schmitt

Die Esche - ein Symbol

Die Esche ist ein germanischer Götterbaum, er war einmal Menschen heilig. Die Esche ist zur Zeit - aufgrund der Klimaveränderung - ein gefährdeter Baum, der sogar vom Absterben, vom Aussterben bedroht ist.

Nun hat sich bei mir im Garten eine Esche selbst gepflanzt - ein Vogel muss den Samen in meine Hecke getragen haben und dort ist er aufgegangen.

Diese Esche ist schon mindestens fünf Meter hoch. Sie steht neben einer der beiden Birken, die 1961/62 im saarländischen St. Ingbert im Blumentopf auf einem Balkon - auch aus Samen - aufgegangen sind und, in Hochheim eingepflanzt, riesig geworden sind.

Gegenstände, auch Pflanzen können Symbole oder Zeichen sein, die eine Bedeutung haben, weil sie etwas deuten.

Wenn Eschen bei den Germanen Symbole der Erneuerung wie auch der Beständigkeit, Hinweis auf eine über die Macht der Menschen hinausgehende Macht waren, dann sinne ich darüber nach, warum ausgerechnet in der Zeit der kranken Wälder und des Baumsterbens in meinem Garten eine Esche neu aufwächst:

Ist es nicht ein Zeichen dafür, dass über dem, was der Mensch alles falsch machen kann und auch gemacht hat, eine Macht das Sterben und Neuwerden, ja das Auferstehen in der Hand hat und wir nur staunend mitwirken können?

Ich vertrete gewiss keinen Glauben an die Natur, aber für mich steht hinter dem, was wir Natur nennen, eine Macht, die wir Gott nennen und in deren Hand das Sterben und Wiedererstehen liegt. Der Mensch kann töten - auch die Natur - aber er kann auch auf die Macht Gottes hören, hinhorchen und das Wiederwerden, das Neuwerden fördern.

Ich meine, das hat mit Karfreitag und Ostern zu tun.

Darüber sollten wir nachdenken.

Adolf Schmitt

EG Nr. 97

„Holz auf Jesu Schulter .... ward zum Baum des Lebens"

Dass man nicht ärmer wird, wenn man sich bei Anderen umschaut, zeigt dieses Lied, das aus einem niederländischen Gedicht von 1963 dort 1973 zu einem Gesangbuchlied geworden ist. Der Pfarrer, Dozent und Dichter Willem Barnard hat es geschrieben und der Berliner Theologieprofessor Jürgen Henkys hat es 1975 ins Deutsche übertragen und 1977 veröffentlicht. Im 1. Vers wird die Last des Leidens Jesu buchstäblich mit dem Tragen des Kreuzes angezeigt, aber auch im übertragenen Sinne verstanden: „von der Welt verflucht". Zugleich wird hier Ostern schon in den Karfreitag hineingenommen mit den Worten „und bringt große Frucht". Und auch die Glaubenden werden mit ihrer Bitte „kyrie eleison = Herr, erbarme dich unser" mitgesehen und das „ruf uns aus den Toten" wörtlich und übertragen auf den menschlichen Alltag, angesagt. Die alte Symbolik vom Kreuzesstamm als Lebensbaum, die schon im 6. Jahrhundert thematisiert worden war, kehrt im 20. Jahrhundert in die Glaubenssprache zurück. Im 2. Vers geht die Fahrt durch die Welt weiter und hier wird mit dem Refrain, der mit „kyrie eleison" beginnt, der Friede erbeten Im 3. Vers steht die anklagende Erde dem ansagenden Himmel mit seinem „alles ist vollbracht" gegenüber und der Kehrvers verdeutlicht erneut die Bindung an den Herrn. Im 4. Vers leuchtet das Osterlicht; der „strengen Güte" folgt das „gnädige Gericht".

Und das zum vierten mal gesungene „Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehen" hat jetzt schon etwas vertraut Tröstliches. Im 5. Vers werden wir an unseren Umgang mit der Erde erinnert, indem vom Abgrund geredet wird; aber wiederum behält die vertrauende Bitte das letzte Wort. Der letzte Vers nimmt das Bild des ersten wieder auf und rundet den Trost ab mit der Bitte „lass uns auferstehen", was hier durchaus auch als ein „Aufstehen vom Schlaf" verstanden werden kann. Die große poetische Kraft des Erstdichters wie auch die des Nachdichters haben uns ein schönes, wahres und zugleich tief nachzuempfindendes Lied geschenkt. Dass die Melodie aus einem Wettbewerb hervorgegangen ist, den ein belgischer katholischer Priester und Musikdozent gewonnen hat, hat sicher dazu beigetragen, dass es nun auch in katholischen Gesangbüchern steht.

Adolf Schmitt

Wer ist konfessionell mit uns verwandt?

Die Mennoniten

In manchen Gegenden Deutschlands kennt man den Namen dieser Mitchristen gar nicht, in anderen lebt man mit ihnen Tür an Tür.

Ihren Namen haben diese Evangelischen vom Niederländer Menno Simons (1496-1561), der als ehemaliger katholischer Priester sich der Täuferbewegung angeschlossen hatte und in West -und Ostfriesland, am unteren Rhein, an der Ostsee und in Holstein wirkte.
Die Gemeinden verwarfen die Kindertaufe und den Eid, lebten aber ansonsten sehr streng nach reformierter Tradition und versuchten friedliche und gute Menschen zu sein.

Sie wurden verfolgt und getötet, erhielten in Holland 1572, in der Schweiz, einigen norddeutschen Städten und der Pfalz Duldung. Später wanderten viele nach Ostpreußen und bildeten dort größere Gemeinden. Auch Holländer wanderten nach Ostpreußen, was dort lange an holländischen Namen erkennbar war, und von dort zogen einige später nach Amerika. Nach dem dreißigjährigen Krieg besiedelten Mennoniten aus der Schweiz im deutschen Südwesten insbesondere abseits liegende, verwaiste Bauernhöfe. Mennoniten sind wie eine große Familie - auch weil viele miteinander verwandt sind.

Auswanderung nach Russland brachte es mit sich, dass unter den Rückwanderern nach Deutschland auch Mennoniten sind. Größere Mennonitengemeinden gibt es in Pennsylvania und in Paraguay.

In Europa sind es noch rund 62 000, in Deutschland allein 40 000, weltweit rund zwei Millionen, auch einige in Afrika. Zu ihrem Glauben zählt die Ablehnung autoritärer Strukturen in Kirche und Staat. Sie organisieren sich in Einzelgemeinden, lehnen den Eid und den Wehrdienst ab und kennen nur die Erwachsenentaufe, zu der sie sich im Alter von 16 Jahren entscheiden. Sie versuchen in Jugendgruppen die Jugendlichen aus den Mennonitenfamilien zusammenzubringen und kennen sowohl Prediger, die Theologie studiert haben als auch gestandene Handwerksmeister, die in dreijährigen Kursen auf den Pfaudienst vorbereitet werden, ihn einige Jahre ausfüllen und dann wieder in den Beruf einsteigen.

Wo es Mennonitengemeinden gibt, ist die Zusammenarbeit mit landeskirchlichen evangelischen Gemeinden gut, aber sie sind auch immer ein Grund für Kirchenmitglieder über das eigene Christsein nachzudenken, denn diese Gemeinden finanzieren ihre Arbeit aus freiwilligen Mitgliedsbeiträgen, weil sie keine Kirchensteuern kennen. Dass ihre Gottesdiensträume schlicht gestaltet sind, versteht sich von selbst, denn die reformierte Tradition konzentriert alles auf das auszulegende Bibelwort.

Adolf Schmitt